Professional
Services Marketing: Klasse, Masse oder Nische?
Experten
sind sie sowieso, die Anwälte, Berater, Architekten, IT-Dienstleister und
Wirtschaftsprüfer der Professional Service Firmen (PSF). Ihr Know-how hält die
Wirtschaft am Laufen, das wissen sie, das wissen ihre Kunden. Trotzdem steigt der
Druck, denn die Märkte für Professional Services konsolidieren sich. Viele Unternehmen denken
deshalb heute neu über Marketing nach.
Bislang
galt vornehme Zurückhaltung gepaart mit der Veröffentlichung von Wissen als die
goldene Regel der Positionierung. Und dafür gab es einen zentralen Grund:
hochwertige Dienstleistungen wurden nicht verkauft,
sie wurden gekauft. Diese Form von
Pull-Marketing funktioniert künftig nur noch für eine kleine Gruppe von
PSF-Premium-Marken, die diesen Status gleichwohl permanent verteidigen muss. Alle
anderen müssen sich überlegen, ob sie es schaffen, in dieses Segment
aufzusteigen – oder sich als Preisführer im Massengeschäft oder Spezialist in
einer Nische positionieren.
Wie
auch immer die Entscheidung ausfällt, für alle gemeinsam gilt der Spruch der
Sponti-Bewegung: In Gefahr und Not bringt der Mittelweg den Tod.
Wachstum
ist in Gefahr
Der
Wettbewerb auf den Märkten der PSF ist intensiver denn je, die Transparenz nimmt
zu, die Verhandlungsmacht der Kunden wird größer. Das provoziert fallende Honorare
und erschwert es den Professionals, neue potente Kunden und renommierte
Projekte zu finden und dauerhaft zu halten. Nachhaltig profitables Wachstum
wird prekär. Die Gründe dafür sind vielfältig:
-
Die Anzahl der Anbieter professioneller Dienstleistungen ist
rasant gestiegen. In den vergangenen drei Jahrzehnten zum Beispiel hat sich in
den USA allein die Zahl der Anwälte verdreifacht. Während 1980 keine
US-Anwaltskanzlei existierte, die mehr als 100 Anwälte beschäftigte, arbeiten
dort heute fast zwei Dutzend Kanzleien mit mehr als tausend Anwälten.
-
Das Spektrum der Dienstleistungen wurde größer, die Themen
komplexer. So bieten etwa Wirtschaftsprüfer längst auch Management- und
Rechtsberatung sowie Finanzdienstleistungen an. Die einzelne PSF bietet mehr Leistungen
an – und kommt damit anderen Professionals in die Quere.
-
Regionale Expansion – in Zeiten einer beschleunigten
Globalisierung vom Kunden vehement eingefordert – pusht diesen Wettbewerb zusätzlich.
Gleichzeitig jedoch stehen in Zeiten sinkender Honorare weniger Mittel für die
Expansion in neue Märkte und Segmente zur Verfügung. Ein Teufelskreis.
-
Kunden suchen verstärkt spezifische, individuelle Lösungen für ihre
Probleme und trennen dabei vielfach besonders profitable Bereiche wie Analyse
und Konzeption von der Implementierung, so dass für die PSF keine Mischkalkulation
mehr möglich ist.
-
Viele Services, die von den PSF ehemals als
Premium-Dienstleistungen mit entsprechend hoher Marge verkauft werden konnten, verwandeln
sich zur Standardlösung, zur Commodity,
die von mehreren PSF einer Branche in vergleichbar guter Qualität angeboten
wird. Die Folge: sinkende Preise.
Märkte
fordern heraus
Professional
Services setzen bisher auf Zurückhaltung, auf Professionalität und darauf, punktuelle
Beweise für ihr überlegenes Wissens zu liefern. All das in dem bislang
berechtigten Glauben, der Kunde werde schon auf ihn zukommen, wenn er seine
Dienste wünscht. Ein klassischer Fall von Pull
Marketing.
Diese
Lösung ist nicht kostengünstig, aber sie zahlte sich bislang meistens aus, denn
der Markt war unübersichtlich. Jeder Anbieter konnte sich als
"Maßschneider" gerieren, die Aufträge wurden häufig durch die
Entscheider beim Kunden vergeben und die Kunden hatten scheinbar wenig Auswahl.
Diese Zeiten sind Geschichte:
-
Der Einkauf
professioneller Dienstleistungen fällt bei fast allen Unternehmen inzwischen in
der Zuständigkeit von Einkaufsabteilungen. Und die fordern aufgrund ehrgeiziger
Spar- und Profitvorgaben, ausgeprägter Corporate-Governance-Codizes und
strenger Beschaffungsregeln: Leistungs-, Kosten- und Erfolgstransparenz. Viele
Anbieter sind gezwungen, ihre Preise herunter setzen, um überhaupt auf der
Liste der zugelassenen Anbieter zu erscheinen.
-
Auf Kundenseite arbeiten immer mehr ehemalige
Experten der Professionals. Sie kennen die jeweiligen Anbieter von innen und wissen, wie
eine maximale Leistung aussieht oder wie die Kalkulationen gestaltet sind. Das
setzt ihre ehemaligen Kollegen unter Druck.
-
Die Wertschöpfungskette der Generalanbieter hat sich aufgespalten. Die
einzelnen Elemente können heute problemlos über das Web nachgefragt und teilweise bezogen werden. So lassen sich Spezialisten
für die Berechnung der Statik und andere Experten für die Kalkulation von
Bauvorhaben vom Auftraggeber selbst parallel zum Architekten beauftragen. Ein
anderes Beispiel: Juristische Dienstleistungen, die sehr lange von ihrem Ruf
zehrten, individuelle Handarbeit zu sein, sind heute vielfach vergleich- und vorhersehbar:
Anlass, Länge, Ablauf und Kosten von Streitfällen werden Schritt für
analysiert, dokumentiert und in Datenbanken und Checklisten gespeichert.
-
Die Märkte der Professionals sind „erwachsen“ geworden, und in solchen Märkten
wird das Suchen und Finden einer Unique Selling Proposition schwierig bis unmöglich. Die Kunden
sind oft davon überzeugt, dass Anbieter austauschbar sind, und nicht selten
haben sie damit Recht. Viele Methoden und Handwerkszeuge der Professionellen
Dienstleister – einstmals das wichtigste Kapital der Unternehmen – degenerierten
zu Standards.
Unter diesen Vorzeichen wird Marketing zu einem
entscheidenden Wettbewerbsinstrument für PSF. Die Autoindustrie macht es seit
langem vor: Je stärker sich Fahrzeuge funktional angleichen und je seltener es
gelingt, sich via technologischer Innovationen langfristig von Wettbewerbern
abzusetzen, um so wichtiger werden die Emotionalisierung der Produkte, die
Positionierung der Marke und: die gezielte Kundenansprache und -bindung.
Die Richtungsentscheidung: Premium, Preisführer oder Nische?
PSF müssen ihre teils erheblichen Marketingausgaben,
ihre Strategien und Organisationen neu überdenken. Und dabei werden sie sich
entscheiden müssen, auf welches strategische Pferd sie künftig setzen: Premium,
Preisführerschaft oder Nische.
Die
Suche nach einer klaren strategischen Positionierung und einem scharfen,
wiedererkennbaren Firmenprofil muss Marketing und Kommunikation vorausgehen.
Erst dann kann sich eine Professional Service Firma Klarheit verschaffen,
welche Kommunikations-Themen sich daraus ableiten und welcher spezifische Mix
an Medien und Aktivitäten dazu führt, vom Kunden als spezifischer Problemlöser in
seinem Segment wahrgenommen zu werden.
Wie
schlecht es darum bisweilen bestellt ist, legt eine Analyse aus den USA nahe,
in der die Marken-Positionierung von Anwaltskanzleien und
Unternehmensberatungen hinterfragt wurde. Das Ergebnis: Nur die obersten fünf
Prozent sind strategisch fokussiert und verfügen über eine starke Marke. Es
folgen 15 Prozent von spezialisierten Unternehmen, die sich in Nischen einen
Namen gemacht haben. Fast 80 Prozent jedoch haben eine eher unklare oder
zumindest wenig überzeugende Positionierung.
Die strategische Positionierung sollte wohlüberlegt sein: Agiert eine
PSF im Premiumsegment oder möchte es in diese Liga vorstoßen, muss es sich
systematisch eine Reihe von Fragen stellen: Worin besteht unsere Unique Value Proposition? Sind wir für
die allerbesten Talente und Bewerber attraktiv? Haben wir eine unverwechselbare
Haltung? Worin besteht unser spezifisches, proprietäres Know-how? Wie gut und
nachhaltig ist unsere Organisation strukturiert und organisiert? Sind unsere
Ansprüche jederzeit nur die Höchsten?
Auch alle anderen PSF, die Preisführer und Nischenanbieter, müssen diese
Fragen abarbeiten und die Antworten in den Markenkern einweben – wenn auch in
der für sie passenden Form. Eine klare Positionierung ist in jedem Fall unerlässlich,
und dafür muss jede PSF die Themen „Unique Value Proposition“, „Bewerber/Talente“,
„Haltung“ „Know-how“, „Organisation“ und „Anspruch“ intensiv erörtern und in
strategische Maximen übersetzen.
Diese
Form der Grundlagenarbeit findet heute zu selten statt, ja oft wird sie einfach
übersprungen. Stattdessen gibt es einen Wildwuchs an Marketing- und
Kommunikations-Praktiken, in die Professional Service Firmen in Deutschland schätzungsweise
zwei bis vier Prozent ihres Umsatzes investieren. In den USA liegt der
Mittelwert bei fünf Prozent, wie eine aktuelle Befragung unter 600
Professionals belegt. Einige Unternehmen bescheiden sich mit 0,5 Prozent,
andere geben zwölf Prozent aus.
Klassischerweise
wird das Geld breit gestreut, fließt in Vorträge, Studien, Broschüren,
Kundenevents, Sponsoring, Medienarbeit, PR und Anzeigen, neuerdings auch
verstärkt in Webseiten, White Papers und Blogs. Ein bunter Mix, der je nach
Branche und Unternehmen sehr unterschiedlich ausfällt. Aber steckt dahinter
auch ein Plan? Ist das Geld gut angelegt?
Die
meisten Marktbeobachter hegen daran Zweifel, sehen das Marketing vieler Professionals – auch einiger Großer –
unprofessionell fundiert und organisiert. Häufig würden die Aktivitäten von
ehemaligen Sekretärinnen verantwortet oder ausgelagert an Seminarveranstalter.
Oder man fühlt sich einfach wohl damit, es zu machen, wie man es schon immer
gemacht hat, weil es das Kerngeschäft ja doch eher stört – und das heißt: eher
ungeplant, wenn Zeit ist, ohne Strategie, roten Faden, Ziel und Zielkontrolle.
Mentalitätswandel
ist nötig: Mehr Akzeptanz, mehr Spielraum!
Das
müsste sich dringend ändern. Und vorab müssen sich PSF grundsätzliche Fragen gefallen
lassen: Gibt es entsprechend der Positionierung als Premium-Anbieter,
Preisführer oder Spezialist korrespondierende Marketing-Ziele und einen
entsprechenden Plan? Wann und wie ist es geboten, eher auf Push- oder auf
Pull-Maßnahmen zu setzen? Wer entscheidet, wohin wie viel Geld fließt – noch
dazu innerhalb einer Partner-Struktur, in der mehrere Personen Budgetverantwortung haben?
Wie
transparent werden die Marketingausgaben im Unternehmen dokumentiert? Werden die
Ergebnisse der Maßnahmen systematisch überprüft und dokumentiert? Und was lernt
die Firma daraus?
Je
zentraler Marketing und Kommunikation ins Unternehmen eingebettet sind, umso
stärker finden diese Punkte Berücksichtigung. Ungeachtet dessen ist der
Austausch auf Augenhöhe zwischen Marketing-Verantwortlichen und PSF-Partnern traditionell
die Ausnahme. Anwälte zum Beispiel tun sich besonders schwer mit der Akzeptanz
von Marketing-Experten mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund. Einer
US-Erhebung zufolge lag die Verweildauer von Chief Marketing Officers in größeren Kanzleien in den vergangenen
Jahren bei durchschnittlich nur 22 Monaten. Die Gründe: zu viel Frust, zu wenig
Respekt und auch in der Regel die fehlende Chance, in den erlesenen Zirkel der
Partner aufzusteigen.
Nötig
wäre eine Mentalitätswandel hin zu mehr Akzeptanz. Und Einsicht wäre der erste
Schritt zur Besserung: Dass es nun einmal fachfremde Professionales gibt, die
ihr Handwerk exzellent verstehen, nicht minder exzellent als man selbst die
eigene Thematik. Andererseits, dass diese Fachfremden das eigene Unternehmen
nur dann entscheidend voranbringen können, wenn man ihnen adäquaten
Entscheidungs-, Handlungs- und auch Sanktionsspielraum lässt.
Denn
erst dann kann sich eine Professional Service Firma gegenüber den Kunden adäquat
und eben: professionell profilieren. Wie wichtig das ist, zeigt sich immer
wieder. In einer aktuellen Befragung unter 700 Käufern professioneller
Dienstleistungen in den USA wurde etwa gefragt: Worin waren die Gewinner – also
jene, deren Dienste die Kunden in Anspruch nahmen – überzeugender als die
Zweiplatzierten? Die drei häufigsten Antworten: Sie versorgten den Kunden mit
neuen Ideen und Perspektiven; sie zeigten sich sehr offen für eine enge
Zusammenarbeit; sie konnten überzeugend vermitteln, in ihren Projekten positive
Resultate zu erzielen.
Eine
Studie unter Vorständen und Geschäftsführern deutscher Unternehmen, die nach
den Erwartungen an Strategieberater – also: Premiumanbietern – fragte, kam zu
vergleichbaren Ergebnissen. Eingefordert werden zwar auch Branchenkenntnisse
und die Fähigkeit, Maßnahmen und Vorschlägen umzusetzen. An oberster Stelle
rangiert jedoch der Wunsch nach zukunftsweisenden Ideen, Impulsen für neue
Geschäftsfelder, nach vorausschauenden Ratschlägen, die Orientierung bieten,
nach thought leadership.
Nur
der fällt nicht vom Himmel. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen sich Professionals,
insbesondere jene mit Premium- und Nischenfokus, im Klaren darüber sein, worin ihre
einzigartige Expertise und Positionierung besteht, in welchen Projekten sie absolute
Top-Erfolge vorweisen können und zu welchen spezifischen Themen sie originell
und inspirierend Stellung beziehen können.
Wenn
man der Forderung nach thought leadership
wirklich gerecht werden will, gilt es zudem, außergewöhnliche gute Ideen, Meinungen
und Publikationen möglichst klug und beständig im Markt zu platzieren. Eine
durchdachte Öffentlichkeitsarbeit ist deshalb unerlässlich; sie sorgt für
positiv besetzte Aufmerksamkeit beim Kunden und pusht Themen auf die mediale Agenda. So raten Insider für die
Praxis unter anderem dazu
-
aktuelle Brennpunkt-Themen gewissermaßen zu „kidnappen“ und
zu kommentieren,
-
einmal pro Woche weltweit eine Pressemitteilung zu lancieren,
-
einen Mitarbeiter auf Partner-Level gegenüber Print-Publikationen
und TV-Sendern als „Guru“ zu platzieren,
-
einmal pro Monat eine an zentraler Stelle im Unternehmen erstellte
Studie zu publizieren.
Aber
das ist noch nicht alles, denn die Komplexität von PR nimmt zu. So spielen
Technologie und Digitale Medien eine immer wichtigere Rolle – allerdings
überfordert sie viele Professionals. Welche Hard- und Software und welche
personellen Ressourcen sind wirklich nötig und sinnvoll, um die teils stark
verstreuten Themen im Unternehmen clever zu managen: die Beziehung zu Kunden
(CRM), Events, Print-Publikationen, Market-Research, bis hin zum
Wissens-Management? Und wie steht es überhaupt um die Digital-Strategie?
Dass auf letztere ein Hauptaugenmerk gelegt werden sollte, gilt
landläufig als selbstverständlich. Es gibt aber auch handfeste Hinweise, dass
dem wirklich so ist. So hat eine aktuelle US-Befragung von mehr als 500
Professional Service Firmen folgende Top-3-Ergebnisse zutage gefördert:
-
Unternehmen, die mindestens 40 Prozent ihrer
Leads online zustande bringen, wachsen deutlich schneller als jene, die keine
Online-Leads generieren.
-
Wachstumsstarke Firmen erhalten über 60
Prozent ihrer Leads über das Internet, während durchschnittlich expandierende
Firmen nur gut 12 Prozent zustande bringen.
-
Firmen, die mindestens 60 Prozent ihrer Leads
online generieren, sind deutlich profitabler als solche, die weniger als 20
Prozent Online-Leads schaffen.
Unterm
Strich kristallisiert sich ein hoher Anspruch heraus: Ein effektives Professional
Services Marketing muss, ausgehend von einer schlüssigen
Positionierung und Strategie, über alle Hierarchieebenen und Funktionen im gesamten
Unternehmen installiert und gemanagt werden.
Nimmt
man diese Forderung ernst, sind die Folgen für Professional Service Firmen
weitreichend: Marketing-Strategie und Marketing-Praxis müssen Bestandteil der
Unternehmens-DNA werden, indem
-
die strategische Positionierung – Premiumanbieter,
Preisführer oder Spezialist – luzide und eindeutig ist,
-
innovative Themen und Meinungen aus der Firma schnell und
punktgenau den Weg zum Kunden finden,
-
der Medienmix aus PR, face-to-face,
Print und Online einen passgenauen, individuellen Zuschnitt bekommt,
-
Marketing-Maßnahmen mit klaren Zielen verknüpft und mit
Hilfe effizienter Technologien zuverlässig evaluiert werden,
-
sich PSF systematisch über die Preise ihrer Produkte und Dienstleistungen
klar werden und sich gegenüber dem Kunden entsprechend positionieren,
-
Marketingspezialisten bis auf den Partnerlevel vorstoßen
können,
-
und Partner sich nicht schämen, zugleich als die
exzellentesten Experten und besten Öffentlichkeitsarbeiter ihrer Firma
bezeichnet zu werden.
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